reviews
CD Review: Prosseda-Chailly-Gewandhaus
Es ist eine geglückte Rekonstruktion, in einer erstklassigen Einspielung - live. Bitte mehr davon!...Auch der Pianist Roberto Prosseda beschäftigt sich schon seit Jahren mit Mendelssohn-Wiederentdeckungen. 2006 bat er den italienischen Dirigenten Marcello Bufalini, das e-Moll-Klavierkonzert zu vollenden.
Jetzt kann man das Ergebnis anhören, in der Reihe "Mendelssohn Discoveries", zusammen mit einer unbekannten Fassung der Schottischen Sinfonie und der Hebriden-Ouvertüre, wie Mendelssohn sie 1830 in Rom komponiert hatte. Interpreten sind, neben Prosseda, das Gewandhausorchester Leipzig und Riccardo Chailly.
Bisher unbekannte Fassungen
"Ich glaube die Brücke zwischen der Barock-Tradition und deutscher Frühromantik ist undenkbar ohne die Figur Mendelssohn", meint Chailly. "Das Puzzle wird dann leer. Man hat keine Verbindung zwischen den zwei Jahrhunderten. Das sehe ich sehr ernst als eine zentrale Figur der Geschichte der Musik." Ohne Mendelssohn wäre die Musikgeschichte unvollständig. Und ohne zur Kenntnis zu nehmen, was für ein Perfektionist Mendelssohn gewesen sei, mit welcher Sorgfalt er seine Werke immer wieder umgearbeitet habe, verkenne man seine Musik, sagt Chailly.
"Mendelssohn Discoveries" - "Mendelssohn -Entdeckungen" -, das sind in diesem Fall Ersteinspielungen der "Schottischen Sinfonie" in einer Frühfassung, die im Juni 1842 in London aufgeführt wurde, die "Hebriden-Ouvertüre", ebenfalls in einer frühen Fassung aus Rom, und das e-Moll-Klavierkonzert. Die Bearbeitung von Bufalini ist die Entdeckung unter diesen bisher unbekannten Fassungen: "Als Prosseda vor zwei Jahren zu mir kam nach Mailand und mir zum ersten Mal den Kopf des Themas des ersten Satzes vorspielte, hat mich das sofort fasziniert", erzählt Bufalini. Chailly fügt hinzu: "Und ich dachte: Das klingt wirklich großartig. Das ist kein Torso, das ist ein echtes Konzert für Klavier und Orchester. Und man spürt auch: Die Sprache ist parallel zum Violinkonzert, (...). Das hat mich sehr beeindruckt."
Ein Glücksfall
Das e-Moll-Klavierkonzert ist eines von vielen bedeutenden Fragmenten, die Mendelssohn hinterlassen hat. Dass es jetzt in einer Fassung vorliegt, die Mendelssohn sehr nahe kommt, ist ein Glücksfall. Zu verdanken ist es Bufalini. Er entschied sich dafür, den dritten Satz anhand des spärlichen Original-Materials ganz im Stil von Mendelssohn nachzukomponieren: "Meine Idee war, dem Stil Mendelssohns und dem Orchester seiner Zeit so treu wie möglich zu bleiben, sowohl was die Orchestrierung der ersten beiden Sätze angeht, als auch die Komposition des Finales, von dem nur das Hauptthema da ist. Die Instrumentation, die ich wählte, hält sich strikt an die Möglichkeiten der historischen Instrumente, mit allen Beschränkungen und Besonderheiten, die Mendelssohn im Sinn gehabt haben mag", so Bufalini.
Es ist eine geglückte Rekonstruktion, in einer erstklassigen Einspielung - live. Bitte mehr davon!
Raliza Nikolov
««back